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Was braucht es, damit die ältere Generation von der Digitalisierung profitieren kann?

Dr. Alexander Seifert vom Zentrum für Gerontologie (ZfG) der Universität Zürich erklärt im Interview, wie SeniorInnen digital fit bleiben.

Herr Seifert, auf dem Markt erscheinen täglich neue Apps, Websites und digitale Geräte. Kommt die ältere Generation überhaupt noch mit?

Nur mit Mühe. Die Flut an neuen Technologien ist ja auch für Junge kaum noch überschaubar. Für ältere Menschen, die den Grossteil ihres Lebens ohne Internet verbracht haben, ist dieses Tempo erst recht schwierig.

Empfehlen Sie der älteren Generation, digitale Trends den Jüngeren zu überlassen?

Nein, das wäre viel zu schade. Digitale Helfer bringen Senioren auch viele Vorteile. Sie erleichtern den Alltag.

Können Sie Beispiele nennen?

Dank Chats, E-Mail oder Skype ist es einfacher, Kontakte zu pflegen. Wir sind in Sekunden mit unserem Umfeld verbunden – ohne dass wir dafür aus dem Haus gehen müssten. Die digitalen Helfer schenken älteren Menschen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit: Zum Beispiel die digitale Agenda, die an Termine erinnert. Topaktuelle Wetterdienste. Die sprechende Küchenwaage, die bei Sehbeeinträchtigungen hilft. Der Herd, der sich selbst ausschaltet. Oder die Fussmatte, die erkennt, wenn jemand gestürzt ist, und einen Notruf absetzt. Gerade im Sicherheits- und Gesundheitsbereich entsteht laufend Nützliches.

Aber diese Angebote werden von der älteren Generation kaum genutzt, oder?

E-Mails, digitale Fahrpläne oder Zeitungen gehören auch für viele Senioren heute zum Alltag. Anders verhält es sich bei sozialen Plattformen, Online-Shopping oder intelligenten Haushaltsgeräten. Hier überwiegt bei den Nutzern noch klar die jüngere Generation.

Bräuchte es mehr Angebote nur für Senioren?

Wenn diese gesondert als «Senioren-Angebote» auf den Markt kommen, halte ich das für keine gute Idee. Solche Angebote werfen ältere Menschen in einen Topf, als ob diese alle dieselben Interessen und Kenntnisse hätten. Viele Betroffene empfinden dies als Stigmatisierung. Andere fühlen sich schlicht nicht angesprochen: «Vielleicht ist das etwas für den Nachbarn, der ist fünf Jahre älter. Aber nicht für mich.» Das Resultat: Die Angebote werden nicht genutzt.

Was schlagen Sie vor?

Wir müssen die persönlichen Vorteile der neuen Technologie aufzeigen: Lebensmittel werden bequem nach Hause geliefert. Die Tochter in Australien ist am Bildschirm sichtbar. Die Heizung der Ferienwohnung lässt sich von unterwegs einschalten. Sehe ich den Nutzen eines Angebots für mich im Alltag, steigt meine Neugierde als Konsument.

Das mag einige begeistern. Andere sind zufrieden mit ihrem gewohnten Alltag. Ist es in Ordnung, wenn ältere Menschen nicht mehr jeden Trend mitmachen?

Absolut. Es ist wichtig, die Wünsche jeder Person ernst zu nehmen. Ob wir eine gewisse Technik nutzen oder erlenen, ist unser eigener Entscheid.

Aber?

Bevor wir uns neuen Technologien ganz verschliessen, müssen wir uns bewusst sein: Die digitale Entwicklung schreitet rasch voran. Fahrplan, Bankzahlungen, Newsangebote: Das Leben verschiebt sich immer mehr ins Internet. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass man heute Telefonnummern nur noch online findet? Dass Check-in-Schalter am Flughafen kein Personal mehr haben? Dass man ohne Internet kaum noch ein Konzertticket bekommt? Die Gefahr, plötzlich nicht mehr dazuzugehören, steigt. Dabei ist jeder persönlich gefordert: Wir sollten nicht nur Zuschauer der Digitalisierung sein, sondern auch Handelnde. Das hat viel mit lebenslangem Lernen zu tun. Auch ältere Menschen brauchen eine gewisse Bereitschaft, Neues zu lernen. Was jemand vor 40 Jahren in der Lehre gelernt hat, reicht heute nicht mehr zur «digitalen» Lebensbewältigung.

Lernwille allein macht aus mir aber noch keinen Nutzer. Wie gehe ich am besten vor, wenn ich ein technisches Gerät nicht bedienen kann?

Oft bringt der Austausch im nahen Umfeld schon viel. Vielleicht nutzt die Enkelin, der Nachbar oder ein Vereinsmitglied die gewünschte App, oder hat sein Haus bereits smart eingerichtet? Im Gespräch kommt man unkompliziert zu praktischen Tipps. Gleichzeitig steht die jüngere Generation in der Pflicht, die ältere in ihrem Lernwillen zu unterstützen.

Wie meinen Sie das?

Wer beim Einsatz digitaler Technologien Unterstützung benötigt, soll diese einfach erhalten. Ich wünschte mir Anbieter, die für ihre Websites, Apps oder Geräte einen niederschwelligen, unkomplizierten Support anbieten. Zum Beispiel Kurse zur Fahrplan-App, Unterstützung fürs E-Banking, Erklärungsvideos an Automaten oder gut sichtbare Telefonnummern für Fragen. Das erhöht die Chance, dass sich auch weniger Technikaffine an digitale Geräte wagen. Und sensibilisieren wir Programmierer noch stärker für altersbedingte Schwierigkeiten, entstehen weniger Nutzungsprobleme. Hilfreich wäre zudem ein breites Informationsangebot rund um technische Themen.

Wer soll ein solches Informationsangebot liefern?

Leider gibt es so etwas wie allgemein beratende Technikbüros noch nicht. Gefragt sind also Organisationen wie Pro Senectute, Kursanbieter und Nachbarschaftsnetzwerke. Sie können mit praktischen Beratungen, Kursen, Treffen und Besuchen viel beitragen und Wissen vermitteln. Das gilt übrigens auch für Institutionen wie Alters- und Pflegeheime.

Welches Wissen sollen sie denn vermitteln?

Was Kinder heute in der Schule lernen, sollte auch im Lehrangebot für Erwachsene stehen: Welche Dienste gibt es? Wie funktioniert die Technik? Aber auch: Was muss ich im Umgang damit beachten? Facebook zu beherrschen, heisst nicht nur zu wissen, wie man ein Profil einrichtet. Sondern auch, dass man gewisse Fotos besser nicht öffentlich postet.

Und wie können Institutionen für Senioren Unterstützung bieten?

Basis ist die Infrastruktur: öffentliches Internet in den eigenen Räumlichkeiten, eine Computerecke oder ein Computerraum. Ohne Begleitung bringt dies aber wenig. Wie wäre es, die technikaffinen Bewohner einer Institution darin zu stärken, ihr Wissen weiterzugeben? Junge Ehrenamtliche als Berater einzuladen? Oder der Gemeinde einen Raum für Computerkurse anzubieten? Davon können alle Beteiligten profitieren.

 

*Dr. Alexander Seifert ist am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich als Leiter «Forschung und Grundlagen» tätig. Themenschwerpunkte: Soziologie des Alter(n)s, Wohnen im Alter, Technik im Alter und Sehbehinderung im Alter.

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