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Wie wichtig ist die Geschlechterfrage bei der Jobsuche?

Daniela Schmid, Beraterin und Vermittlerin von integra, erklärt wo noch immer Klischeefallen lauern

Bei integra spielt die Geschlechterfrage heute kaum noch eine Rolle: Männer leisten Arbeitseinsätze in traditionellen «Frauenberufen» und umgekehrt. Daniela Schmid, Beraterin und Vermittlerin von integra, erklärt, weshalb das so ist und wo immer noch Klischeefallen lauern.

Wer bekommt bei integra Unterstützung?

Wir betreuen Menschen, die keine Arbeitslosenentschädigung erhalten: Langzeiterwerbslose, Migrantinnen und Migranten, Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Jugendliche, die noch keine Ausbildung haben. Sie werden uns vom Sozialdienst, den Migrationsdiensten, der Krankentaggeldversicherung oder anderen Behörden zugewiesen.

Inwiefern spielt das Geschlecht dabei eine Rolle?

Dass Frauen Vorgesetzte sind, kann – je nach Kulturkreis – bei einzelnen männlichen Personen  Widerstände auslösen. Solche Themen sprechen wir während des Erstgesprächs individuell und proaktiv an. Gewisse heikle Themen wie unterschiedliche Löhne für Frauen und Männer entfallen bei uns von vornherein, da bei einem Programmeinsatz keine Löhne bezahlt werden. Schwierigkeiten gibt es hingegen häufig bei der Kinderbetreuung.

Das heisst?

Diesem Problem begegnen wir immer noch am häufigsten bei Frauen, aber auch bei alleinerziehenden Männern. Ein Beispiel: Wir vermitteln einen Arbeitseinsatz, bei dem die Person schon um sieben Uhr an ihrem Arbeitsplatz sein sollte. Wer betreut dann die Kinder? Die Kinderkrippen bieten nicht die nötige Flexibilität, die der Arbeitsmarkt fordert. Eine zusätzliche Kinderbetreuung kann sich kaum jemand leisten. Migrantinnen und Migranten sind zum Beispiel oft alleine und nicht vernetzt, damit fehlen Familienangehörige und Freunde, die einspringen könnten. Es ist nicht einfach, Plätze in Kinderkrippen und -horten zu finden: Die Kinderbetreuung wird unmittelbar und  für eine begrenzte Zeit benötigt – und das je nach Arbeitseinsatz erst noch zu unregelmässigen Tageszeiten.

Kinderbetreuung als einziges Problem? Ist das nicht zu einfach?

Zu uns kommen Menschen, die in erster Linie wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehren oder einen Einstieg darin finden möchten. Das hat für sie Priorität. Sie stellen sich vor allem die Frage: Wo und wie schaffe ich es, mich wieder im Arbeitsmarkt zu integrieren? Ob ein Beruf eher von Männern oder von Frauen ausgeübt wird, interessiert sie in den meisten Fällen weniger. Ein gutes Beispiel dafür ist das Gesundheitswesen, speziell der Bereich Pflege.

Was meinen Sie damit?

Viele Migrantinnen und Migranten, die bei integra vermittelt werden, äussern den Wunsch, in der Pflege tätig zu sein. Sie kommen aus Kulturen, in denen es normal ist, dass ältere und kranke Menschen in der Familie gepflegt werden. Sie haben keine Berührungsängste und möchten im Beruf etwas Sinnvolles tun, etwas zurückgeben können. Und es sind keineswegs nur Frauen: Arbeitseinsätze in der Pflege sind auch bei vielen Männern gefragt.

Das passt nicht zum typischen Bild des männlichen Migranten.

Wir dürfen die Leute nicht auf Klischees reduzieren! Vor mir sitzt immer ein Mensch mit seiner eigenen Persönlichkeit und seiner eigenen Geschichte. Das dürfen wir bei unserer Arbeit nie vergessen. Ich erlebe das täglich: Fragen rund um die Rollen von Männern und Frauen in der Schweizer Arbeitswelt sind sehr individuell. Ich habe festgestellt, dass es wichtig ist, die Hintergründe und Kultur des jeweiligen Herkunftslandes der Migranten zu kennen. Falls es heikle Themen gibt, können wir sie gezielt ansprechen, bevor ein Problem entsteht.

Heikle Themen?

Denken Sie daran, dass Migrantinnen und Migranten noch keine Erfahrung haben im Schweizer Arbeitsmarkt. Es kommt auch darauf an, was die jeweilige Person mitbringt: Nationalität, Bildung, Berufsfeld und Erfahrungen im Arbeitsmarkt. Auf jeden Fall müssen sie bei ihren Arbeitseinsätzen viel Neues und die Anforderungen unserer Arbeitswelt kennen lernen: nebst den fachlichen Anforderungen auch zum Beispiel Pünktlichkeit, Abmeldung bei Abwesenheit und die Dauer der Arbeitszeiten. Und für manche Migranten heisst das auch, dass sie – wie bereits erwähnt – zum ersten Mal Frauen als Kolleginnen oder gar Vorgesetzten begegnen. Darauf bereiten wir sie individuell vor. Im Programm «speak & work» können solche Fragen auch in der Gruppe und während des Arbeitseinsatzes diskutiert werden.

Was beinhaltet «speak & work»?

Das Angebot ist für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene entwickelt worden. Während eines Arbeitseinsatzes besuchen diese einen Tag pro Woche einen Deutschkurs, den wir bewusst praxisbezogen gestalten. Ihr Wissen können sie dann sofort im Arbeitsalltag einsetzen. Der Kurs dient aber auch dazu, Fragen rund um den Arbeitseinsatz rasch und unkompliziert ansprechen zu können. Ziel von «speak & work» ist es, Migrantinnen und Migranten schrittweise in den Arbeitsmarkt eingliedern zu können.

 

Integra

Die Stiftung Diaconis bietet im Bereich «Mensch und Arbeit» verschiedene Programme für Stellensuchende. Integra wendet sich an Stellensuchende ohne Arbeitslosenentschädigung oder mit gesundheitlichen Einschränkungen sowie Migrantinnen und Migranten. Das Programm vermittelt befristete Einsätze im ersten Arbeitsmarkt und bietet Stellen- und Jobcoaching an. Mit «speak & work» richtet sich integra gezielt an Migrantinnen und Migranten, die parallel zu einem Arbeitseinsatz ihre Deutschkenntnisse verbessern können.

 

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