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«Würdiges Beenden ist eine Lebenskunst»

Die Psychotherapeutin Katharina Ley erklärt im Interview, wie Beenden positiv erlebt werden kann.

Viele Menschen verharren lieber in ungünstigen Lebensmustern, als dass sie diese beenden würden. Katharina Ley hat sich intensiv mit dem «Beenden und Vollenden» auseinandergesetzt.

Frau Ley, wie gut können Sie loslassen?

Mir persönlich fällt es relativ leicht, mich zu lösen – sei dies von Dingen, Situationen oder auch von Menschen. Etwas positiv abzuschliessen und im Guten zu beenden, erlebe ich als einen bereichernden Teil meines Lebens. Den Begriff «Loslassen» mag ich jedoch nicht so sehr. Als Therapeutin spreche ich lieber vom Beenden oder von Vollbringen und Vollenden. Diese Begriffe deuten auf etwas hin, das zum Gelingen führt – ein Kunstwerk am Ende eines langen Prozesses. Das Loslassen ist lediglich ein Moment auf diesem Weg.

Den Weg des Abschiednehmens beschreiben Sie in Ihrem Buch «Die Kunst des guten Beendens». Was gab den Anstoss für diese Arbeit?

Als Therapeutin ist mir aufgefallen, wie viele meiner Klienten Mühe haben, ungute Situationen zu beenden. Menschen verharren oft über Jahre in einem demütigenden Zustand, ohne Mut etwas abzuschliessen. Sie assoziieren Abschied, Trennung und Beenden mit Schmerz, Schuld- und Schamgefühlen oder mit Trauer. Also Gefühlen, denen man gerne ausweicht.

Etwas zu beginnen, ist doch immer reizvoller, als etwas zu beenden, oder?

Ich sehe dies heute anders. Im Laufe meiner Arbeit wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, etwas zu Ende zu bringen, um sich versöhnen zu können. Man kann sich selbst erst dann in Liebe zuwenden, wenn Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, Ängste und Nöte immer wieder neu beendet werden. Es gibt ein positiv erlebtes Beenden. Gelungene Trennungsprozesse führen zu neuer Lebendigkeit.

Wann ist es sinnvoll, eine Lebensphase zu beenden?

Eine Phase bleibt so lange sinnvoll, wie sie für alle Beteiligen Wachstumschancen bietet. Daneben gibt es aber auch Situationen, in denen das Ende von Anfang an mitschwingt. Man kann auch etwas, das als wachstumsfördernd und sinnvoll erlebt wird, beenden – um frei zu werden. Beenden bedeutet Sicherheit aufzugeben, aber auch Ballast abzuwerfen.

Ein Kapitel in Ihrem Buch nennen Sie «Die Kunst des Beendens». Gibt es Tricks zur Kunst des guten Beendens?

Dazu gibt es leider gar keine Tricks. Jeder Mensch muss und darf diesen Prozess selbst durchleben – Voraussetzung für das Gelingen sind Neugier, Phantasie und Kreativität. Auch eine Therapie oder gute Gespräche mit Freunden können unterstützend wirken. Es geht darum, jedem einzelnen Akt eine Form zu geben, damit er sich runden und vollenden und seinen eigenen, einzigartigen Wert erhalten kann. Gelingendes Beenden ist ein Geschenk oder eine Gnade. Im besten Fall erleben wir es in Dankbarkeit und in der innerlichen Verbundenheit der Erinnerungen.

Wie unterschiedlich erleben Menschen den Prozess des Beendens?

Ein Abschied bedeutet meist Anstrengung. Der damit verbundene Prozess gestaltet sich jedoch sehr individuell, sowohl in Bezug auf seinen Ablauf als auch auf die damit verbundene Zeitspanne. Manchmal werden Beginnen und Beenden sehr bewusst gestaltet, manchmal unbewusst. Anfang und Ende können ineinander übergehen oder Lebensphasen werden einfach abrupt abgebrochen.

Lassen sich dennoch einzelne Phasen bestimmen?

Am Anfang steht vielleicht nur die leise Ahnung, dass ein Zustand nicht mehr gut tut. Dieses vage Gefühl kann über Jahre verdrängt werden. Allmählich reift die Einsicht, dass man durch Veränderung wachsen könnte. Angst vor dem ungewissen Ausgang der Veränderung kann diese Phase schwierig machen. Dazu kommt ein Hadern darüber, dass man überhaupt in die leide Situation gekommen ist – oder wir fallen sogar in eine Depression. Erste Bindungsmuster oder frühe Trennungserfahrungen können wieder aufbrechen. Hat man sich einmal für das Beenden entschieden, folgt das innerliche Abschiednehmen. Dabei ist die Trauer sehr wichtig. Auch die Versöhnung und die Anerkennung dessen, was einmal da war, sind Elemente dieser Zeit. Am Schluss erst stehen die Handlung und die neue Lebenskraft.

Je älter man wird, desto präsenter wird das Thema «Loslassen» – sehen Sie das auch so?

Ja, in der ersten Lebenshälfte lebt man nach vorne gerichtet. Wenn ich persönlich als junger Mensch etwas Neues begann, dann hatte ich in der Regel zwar auch etwas Bisheriges zu beenden. Das war oft schmerzhaft und herausfordernd, aber gleichzeitig überstrahlt vom Glanz des Beginnens. Dort lag die Aufmerksamkeit. Das Beenden wurde für mich mit zunehmendem Alter ein wichtigeres Thema.

Kann man dieses vielseitige Beenden und Abschiednehmen im Alter positiv erleben?

Ja sicher. Es sind ja nur die körperlichen Kräfte, die grundsätzlich nachlassen. In allen anderen Bereichen muss der Mensch im Alter nicht schwächer werden. Es gibt sehr viel Raum für Neuanfänge. Zum Beispiel die innige Beziehung zwischen einem Enkel und seinen Grosseltern. Ich habe Freundinnen, die sich dazu entschlossen haben, Flüchtlingskindern eine Grossmutter zu sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Alter bereichernd zu erleben – man muss nur die Augen öffnen.

Wie würden Sie einen alten Menschen begleiten, der sein Zuhause aufgeben muss, um in ein Heim zu ziehen?

Der Eintritt ins Altersheim wird oft sehr klischiert dargestellt. Ich habe erlebt, dass eine 88-jährige Frau im Altersheim zu neuer Lebensfreude fand. Nach einer langen Phase der Einsamkeit genoss sie die Mahlzeiten am Vierertisch. Sie ist richtiggehend aufgeblüht. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten Zeit nehmen und Lösungen gemeinsam besprechen und aushandeln.

Wie können Angehörige den sterbenden Menschen beim letzten Abschied unterstützen?

Menschen können grosse Veränderungen im Leben ganz und gar unterschiedlich erleben. Lässt ein Angehöriger den Sterbenden nicht gehen, hat dieser vielleicht Mühe, im Guten zu sterben. Eine Berührung, ein Wort, aber auch schon die Veränderung der inneren Haltung des Angehörigen kann es dem Sterbenden wiederum erleichtern, sein Leben loszulassen.

Schmerzhaft ist dieser Abschied dann für den, der zurückbleibt.

Abschiede zu verarbeiten ist ein wichtiger Bestandteil der psychischen Entwicklung des Menschen. Trennung bedeutet Entwicklung und ist Potenzial. Das Dunkel, das scheinbar über dem Beenden lastet, kann in etwas Helles verwandelt werden. Respektvolles und würdiges Beenden ist eine Lebenskunst.

 

Katharina Ley ist Psychoanalytikerin, Psychotherapeutin und Autorin von Frauenbiografien sowie von zahlreichen Büchen zu Lebensfragen. Von ihr erschienen sind neben «Die Kunst des guten Beendens. Wie grosse Veränderungen gelingen» auch «Versöhnung leben – Versöhnung lernen: Wege zur inneren Freiheit», «Komm zu dir, dann kommst du weiter: Es ist nie zu spät, sich selbst zu lieben» und «Anders älter werden: So gelingen die besten Jahre».

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