• Aktuelles
  • Grenzen sind wichtig, um loslassen zu können

Grenzen sind wichtig, um loslassen zu können

Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Mutter ins Pflegeheim zieht?

Vom Rasenmähen bis zu den Bankzahlungen: Monica Zryd unterstützte 18 Jahre lang ihre heute 91-jährige Mutter im Alltag. Vor zwei Jahren begleitete sie ihre Mutter beim Übertritt ins Haus Wohnen – Pflege Oranienburg. Sie erzählt, wie sie diesen Moment erlebte und wie sie mit der veränderten Lebenssituation ihrer Mutter umgeht.

Seit wann ist Ihre Mutter bei Diaconis Wohnen – Pflege Oranienburg zu Hause?

Meine Mutter lebte mehrere Jahre in einer Alterswohnung. Nach einem Schlaganfall im Oktober 2016 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand stark. Dazu kam eine Demenz, unter der sie bereits vorher gelitten hatte. Beides machte den Umzug ins Altersheim aus meiner Sicht unumgänglich. Im Dezember des gleichen Jahres bezog meine Mutter ihr Zimmer in der Oranienburg.

Ist Ihnen diese Entscheidung schwergefallen?

Ich fällte den Entscheid damals ziemlich schnell. Meine Mutter hätte auch in ihrer Alterswohnung Pflege in Anspruch nehmen können. Aber ich hatte in der Alterssiedlung Erfahrungen gemacht, die mir ein schlechtes Gefühl gaben: Ich besuchte meine Mutter häufig und dies zu verschiedenen Uhrzeiten. Einmal kam ich beispielsweise um vier Uhr nachmittags zu Besuch, und meine Mutter sass im Pyjama im Bett mit nach oben geklapptem Sicherungsgitter. Oder das Pflegepersonal liess meine Mutter einfach alleine im Rollstuhl in ihrer Wohnung. Sie stürzte mehrere Male aus dem Rollstuhl und aus dem Bett. Diese Umgebung wollte ich meiner Mutter nicht länger zumuten. Weil die Mutter einer meiner Freundinnen in der Oranienburg wohnte, kannte ich das Haus. Plötzlich ging alles sehr schnell: Ich rief bei Diaconis an, und es war zum Glück gleich ein Zimmer frei. Eine Woche nach meinem Anruf war meine Mutter bereits umgezogen.

Haben Sie es als eine Erleichterung empfunden, Ihre Mutter in professionelle Hände zu geben?

Ja, ganz klar. Es war für mich ein grosses Aufatmen nach einer belastenden Zeit. Meine Mutter war vorher nicht mehr gut betreut. Jetzt wusste ich: Meine Mutter ist in guten Händen.

Konnten Sie gleich von Anfang an Vertrauen in das neue Zuhause Ihrer Mutter fassen?

Ich kam anfangs sehr unregelmässig zu Besuch – manchmal während des Frühstücks und wenn es ging, auch kurz während meines Arbeitstages in der Pause. Weil ich mit eigenen Augen sah, dass meine Mutter gut betreut war und sie nicht nur für bevorstehende Besuche zurechtgemacht wurde, konnte ich Vertrauen fassen. Ich glaube, für meine Mutter war die Umstellung schlimmer. Sie wollte stets in ihr altes Haus zurückkehren, wo sie noch vor der Alterswohnung gelebt hatte.

Im Diaconis Garten Loslassen

War für Sie das Einrichten des Zimmers Ihrer Mutter mit persönlichen Gegenständen wichtig, um ihr ein neues Zuhause zu schaffen?

Das spielte für mich keine Rolle, weil meine Mutter die Gegenstände nicht mehr erkennt. Sie hatte früher Puppen gesammelt. Ein paar davon stehen in ihrem Zimmer, aber sie kann sich nicht mehr an die Puppen erinnern. Leider hat sie gar keine solchen Erinnerungen mehr.

Wie intensiv waren Sie vor dem Umzug ins Altersheim in die Pflege Ihrer Eltern involviert?

Ich schaute früher zu meinen beiden Eltern. Mein Vater verstarb 2007. Anschliessend betreute ich meine Mutter vollumfänglich, vom Erledigen des Einkaufs und den Zahlungen bis zur Begleitung auf Spaziergängen. 2009 zog sie auf eigenen Wunsch in eine Alterswohnung. Ich war jeweils noch drei- bis viermal pro Woche bei ihr und erledigte den Haushalt. Nun habe ich mich etwas zurückgenommen, um auch mein eigenes Leben leben zu können. Ich arbeite selber noch, habe aber das Glück, dass mein Sohn in der Nähe des Altersheims wohnt und er jeweils sonntags seine Grossmutter besucht.

Hat sich der neue Besuchsalltag schnell eingespielt?

Anfangs war ich öfters zu Besuch. Heute gehe ich noch einmal wöchentlich zu meiner Mutter. Sie ist seit ihrem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Die Fähigkeit, zu sprechen, kam über die Zeit ein wenig zurück. Sie sprach aber immer weniger und die Demenz wurde stärker. Mittlerweile kennt sie nur noch mich und meinen Sohn. Ich sagte mir, dass es ihr auch mit weniger Besuchen gut geht und ich mich etwas zurücknehmen muss. Dies konnte ich aber nur umsetzen, weil ich sah, dass meine Mutter sehr gut und liebevoll betreut wird.

Wie haben Sie diesen Wechsel von der intensiven Betreuung zum wöchentlichen Besuch mit sich selber vereinbart?

Mir blieb aus meiner Sicht nichts anderes übrig. Ich war zu 100 Prozent erwerbstätig, und mein Rücken ist leider schon länger in einem schlechten Zustand. Ich musste meine Kräfte und Möglichkeiten gut einteilen, um alles zu bewältigen. Als meine Mutter in der Alterswohnung lebte und ich alles für sie erledigt habe, lief ich am Ende selbst am Limit. Ich besuche sie jetzt einmal pro Woche und opfere ganz bewusst nicht den Sonntag dafür. Das Wochenende ist für mich, solange ich arbeite, einfach heilig. Wie das aussieht, wenn ich nächstes Jahr pensioniert werde, wird sich zeigen.

Was war für Sie bei diesem Prozess des Loslassens am schwierigsten?

Am meisten weh tut mir, den Zerfall meiner Mutter mitzuerleben. Aber ich sage mir immer wieder, dass meine Mutter 91 Jahre alt ist und ein langes, erfülltes und gesundes Leben hatte. Trotzdem kämpfe ich mit der Tatsache, dass ich sie nicht mehr einfach abholen und ihr sagen kann: «So, jetzt machen wir uns einen schönen Sonntag und gehen etwas essen.»

Was würden Sie Menschen raten, die in einer ähnlichen Situation sind mit ihren älter werdenden Angehörigen?

Ich denke, die Betreuungsfrage ist eine sehr individuelle Entscheidung. Für mich war immer klar, dass ich meine Eltern nicht in ein Altersheim gebe, solange ich sie bei mir pflegen kann und die Platzverhältnisse dies ermöglichen. Gleichzeitig wusste ich: Sobald meine Mutter Pflege benötigt, muss sie an einem Ort wohnen, wo sie professionell betreut wird. Ich bin aber auch entschieden dafür, Leute zu unterstützen, wenn sie aus eigenen Stücken in eine Alterswohnung gehen möchten. Das ist ja eigentlich optimal. Ganz wichtig finde ich auch, dass man sich Grenzen setzt, und die eigenen Kräfte bei der Betreuung richtig einteilt. Das hilft auch, besser loszulassen.

9001 svoam

berufsbildung logo