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«Beim Loslassen sind wir alle Autodidakten»

Anja Michel ist Seelsorgerin bei Diaconis Palliative Care. In ihrer Arbeit ist sie täglich mit Menschen im Gespräch, die sich mit dem Tod auseinandersetzen. Im Interview spricht sie über den Umgang mit Ängsten im Sterbeprozess, die Rolle der Religion und die Grenzen der Hilfe für Sterbende.

 Anja Michel

Sie begleiten täglich kranke Menschen, die keine Aussicht auf Heilung mehr haben. Ist in den Gesprächen, die sie mit den Betroffenen führen, das Loslassen ein zentrales Thema?

Ja, auf jeden Fall! Auch wenn wir dabei nicht unbedingt von «Loslassen» sprechen. Aber sehr wohl von der Trauer über den Abschied. Seine Lieben, sein Leben zurückzulassen und weiterzugehen ins Unbekannte, in den Tod – das sind fast immer wichtige Themen. Da tauchen Fragen auf, die sich noch einmal ganz neu stellen, wenn es ums eigene Sterben und Loslassen geht. Loslassen zu müssen, bedeutet ja oft auch, die Balance oder den Boden unter den Füssen zu verlieren. Kurz: Dieses existentielle Loslassen ist oft mit einer Krise verbunden.

Wird das Thema von den Betroffenen selbst angesprochen?

Ja, auf ganz verschiedene Art und Weise. Vor kurzem sagte mir beispielsweise eine Patientin: «Gäuet, beim Loslassen sind wir alle Autodidakten.» Das hat mir gut gefallen, weil dieses Bild auch die Grenzen jeder gut gemeinten Hilfe anzeigt.

In welchen Fällen beobachten Sie, dass ein Loslassen besonders schwerfällt?

Umgekehrt: Ich erlebe es selten, dass es nicht schwerfällt! Loslassen – etwas passiv erleiden – sich selber verletzlich erleben – das ist ja vollkommen unsexy und passt nicht zu unseren heutigen Idealen und meist auch nicht zu unserem Selbstbild. Wir wollen vermeiden, etwas aus der Hand zu geben, ganz besonders uns selbst. Ich denke, das verstehen wir alle bestens. Manchmal begegne ich aber auch Menschen, die von sich sagen können: «Es ist gut, es ist Zeit zum Sterben, und ich halte mich an nichts mehr fest.» Oft wird während des Sterbeprozesses diese Sicherheit aber auch wieder mal umgestossen. Ängste und Trauer tauchen auf. Das sind keine linearen Prozesse.

Wie unterstützen Sie diese Person in diesen schwierigen Momenten, wenn der Sterbeprozess von Ängsten und Trauer dominiert wird?

Meine Unterstützung besteht in erster Linie darin, den Betroffenen aufzuzeigen, dass die Unsicherheiten, Ängste und Trauer, die sie fühlen, ihren Platz haben dürfen. Der Mensch soll erfahren: Auch etwas, das mich fast erdrückt, hat Platz und kann näher angeschaut werden. Es gibt Sterbende, die ihre Angehörigen schützen möchten und daher gewisse Themen nicht ansprechen. An diesem Punkt kommt dann ganz oft die seelsorgerische Begleitung ins Spiel. Zudem spreche ich Menschen auch ganz konkret darauf an, was sie sich für ihr Sterben wünschen, was sie sich vorstellen, was nach dem Tod kommt. Wir klopfen Bilder und Metaphern ab – was «verhäbt»? Was nicht? Und klar, wenn es um das eigene Sterben geht, tauchen oft existentielle Fragen auf, die manchmal auch religiös sind. Religion kann Halt und Sicherheit geben – ebenso kann sie Menschen zur Verzweiflung bringen: Warum hat Gott mich nicht vor dieser Krankheit verschont? Habe ich irgendwo eine Schuld? Öfters erlebe ich, dass vermeintliche religiöse Sicherheiten brüchig werden und keinen Halt mehr stiften. Dann wird die seelsorgerische Begleitung eine religiöse Begleitung und wir gehen gemeinsam auf die Suche. Oft kommt auch eine stellvertretende Religiosität ins Spiel: Im Gebet stelle ich mich neben die Patientin, klage zu Gott und frage: Warum ich? Warum gerade jetzt und warum so? Anschliessend segne ich die Patientin – gebe den Zuspruch Gottes weiter. Das ist ein Ritual, in dem Gottesferne und Gottesnähe zusammengebracht werden. Beides hat nebeneinander Platz. Um diese Ambivalenz kommen wir nicht herum.

Loslassen bedeutet auch in die Freiheit entlassen. Beschäftigt dieses Thema eher die Angehörigen oder die Betroffenen?

In die Freiheit entlassen klingt sehr schön. Die Angehörigen entlassen eine Sterbende erst mal ins Ungewisse und sind selber ungewiss, wie sie mit dem Verlust weiterleben können. Ebenso müssen die Sterbenden Abschied nehmen von ihren Angehörigen – auch sie sind im Ungewissen, wie es für sie selber oder ihre Liebsten weitergeht.

In welchem Zusammenhang ist das Loslassen bei den Angehörigen problematisch? Wovon können diese sich am wenigsten befreien?

Schwierig wird es, wenn sie bis zum Schluss den Tod als Option von sich weggeschoben haben. Vielleicht all ihre Energie in die Pflege, in die Begleitung ihres kranken Angehörigen gesteckt haben und nun – aus ihrer Sicht – ganz plötzlich mit dem Sterben konfrontiert sind. Dazu kommt schlicht die Trauer über die abgeschnittene Zukunft. Diese gemeinsame Zeit stirbt für beide ab. Das ist brutal. Aber das Loslassen der Angehörigen beginnt (zu einem Teil auf jeden Fall) erst nach dem Sterben ihres lieben Menschen – und da begleite ich sie bereits nicht mehr. Trauerprozesse sind sehr langsame, individuelle und kleinschrittige Vorgänge. Wir bieten bei Diaconis monatlich das Trauercafé an: ein Treffpunkt für Menschen, die einen Angehörigen hier auf der Palliative Care Station verloren haben. Im Rahmen der Gruppe erzählen sich die Angehörigen ihre Erlebnisse, ihre Schwierigkeiten im Alltag und unterstützen sich gegenseitig. Daneben gibt es zweimal im Jahr eine Gedenkfeier, die einen rituellen Rahmen bietet, um dem Verstorbenen zu gedenken.

Wie kann man konkret jemanden unterstützen, der einen Angehörigen in einer Palliativsituation begleitet?

Da fragen Sie am besten selber nach! Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich.

Auf den Lebensanfang bereitet sich das familiäre Umfeld oft akribisch vor. Denken Sie, eine frühe Auseinandersetzung mit dem Lebensende würde helfen, das Loslassen leichter zu nehmen?

So wie eine akribische Vorbereitung am Lebensanfang nichts bringt, ist sie auch im Hinblick aufs Sterben nicht sinnvoll. Es ist etwas komplett anderes, ob ich mir allgemeine Gedanken zum Sterben mache oder ob ich selber sterbend im Bett liege. Auch bei mir selbst, die Sterbende beim Sterbeprozess begleitet, ist das so. Ich mache mir da keine Illusionen. Ich denke, ich werde einmal eine schlechte Sterbende sein. Viel zu gern habe ich die Fäden in meiner Hand. Ich bin allerdings überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit dem Sterben einem helfen kann, sein eigenes Leben passender zu gestalten!

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